Harte Wochen für Hamburger Fussballfans. Während beim ach so kultigen, linken Stadtteilverein Blockaden vor der Heimkurve aufgezogen werden und zu unappetitlichen Entgleisungen einiger Blockierter führen, bepöbeln HSV-Fans ihre Spieler auf ähnliche Weise und kriegen dafür eine Trinkflasche an den Kopf geschmissen. Beiden Auseinandersetzungen folgt große (mediale) Entrüstung, die Äußerungen der Fans spielen dabei beide Male eine untergeordnete Rolle.
Dabei war das Werfen der leeren Trinkflasche in unseren Augen genau die Sorte Antwort auf homophobe und rassistische Beleidigungen1, wie sie auch am Millerntor zu billigen gewesen wäre. Oder sogar: Eine Antwort, dies es aus anderen Gründen als denen des beleidigt worden-seins deutlich auch gebraucht hätte.

Fussball ist eben doch Fussball. Und scheinbar sind manchmal die Grenzen zwischen den Fans der beiden großen Vereine nicht so groß, wie sie oft gedacht werden. Denn wenn sie in Rage geraten, ihnen verwehrt wird, was sie eigentlich erwarten, sie irgendwie über einen Normalzustand hinaustreten (was vielleicht das Ziel ihres Fantums darstellt?), treten ihre hässlichen Seiten zum vorschein. Ob der “treue” HSV-Fan, der nun von halb Fussballdeutschland betrauert wird, da er als Antwort auf seine zu Tage tretenden Ressentiments mit einer Plastikflasche bedacht wurde, oder die achso-kritischen St.Paulianer, die sich zu Recht über ihre Nötigung, das Stadion nicht betreten zu dürfen beschwerten, diesen aufgebauten Druck dann allerdings mit homophoben, rassistischen, oder NS-Vergleichen2 Luft machten. Ebenso vergleichbar leider auch all die Anderen, die in beiden Fällen daneben standen und ob einer Verbundenheit in der Sache die Schnauze hielten, als es eigentlich mal Zeit war, die Idioten zurechtzuweisen. Ein weiteres Armutszeugnis.

Uns geht es nicht um eine Auseinandersetzung mit der Blockade der Südkurve. Dazu sind die Gedankengänge von Blockierer_innen und Blockierten oft genug verdeutlicht worden. Die Situation wird thematisiert und aufgearbeitet, ein Umgang innerhalb der Fanszene wird gefunden werden.
Uns geht es darum, die Perspektive zu erweitern. Für uns ist eben nicht nur der Akt der Einschränkung anderer Fans durch das Versperren der Eingänge zur Südkurve ein Thema. Das Verhalten der Blockierten ist für uns unerträglich und macht uns Sorge, da es zeigt, was sich unter der Hülle des “linken” Mantels der Fanszene des FC St.Pauli verbirgt. Es lässt uns fragen, ob nicht all die Bemühungen, einen weiteren Kreis an Menschen durch Fanpolitik zu politisieren, fehlgeschlagen sind. Und wir fragen uns, wie wir damit umgehen möchten, dass Leute aus dieser Fankurve rassistische und homophobe Äußerungen tätigen und alle Anderen dazu schweigen.
Wir würden eigentlich erwarten, dass mensch nach solchen Forderungen von den Fans rausgeworfen wird3. Wenn das nicht durchsetzbar scheint, so doch wenigstens über den Umweg Verein ein Stadionverbot ausgesprochen wird. Von solchen Vorgängen haben wir noch nichts erfahren können.

Dabei ist davon auszugehen, dass die “Entgleisungen” der Entrüsteten Blockierten natürlich keine Entgleisungen sind. Es bricht hervor, was sonst mühsam verdeckt werden muss, ob nur im Stadion oder auch im sonstigen Umgang mit Menschen. Eher zeigte die Situation die wahre Fratze der ach so aufgeklärten und liberalen Fans, die dann zynischerweise auch noch ihre ertragene Nötigung, als schlimmste Zurichtung kritisieren, während die schlimmsten Ausgrenzungsmechanismen der bürgerlichen Gesellschaft ausgepackt werden, um sich Luft zu verschaffen. Wer dabei davon spricht, “vergewaltigt” zu werden, hat unserer Meinung nach den Schuss nicht gehört und wir hoffen, dass diese Person niemals auf bereits traumatisierte Personen treffen wird.

Kluge Köpfe machten in den 30er-Jahren Studien zu Autorität und Arbeiter_innenklasse. Sie stiessen dabei auf den sogenannten ‚Autoritären Charakter‘. Dieser, ganz verkürzt gesagt, unterdrückt seine Triebe in der Unterwerfung unter andere Menschen, buckelt, wie im Sprichwort nach Oben und tritt nach Unten. Bei dieser durchgehenden Ausrichtung nach Macht und Stärke entsteht eine Denkweise, die sensible und als „zu weich“ erkannte Seiten zurückweist, um sich in Hierarchien aufwärts zu bewegen und dabei vor allem alles Fremde abweist und bekämpft. Bereits bei der (Nicht-)Vergabe von Dauerkarten zeigten einige Menschen deutlich, Probleme eben nicht zu verarbeiten, sondern von einem strukturellem Problem (zu wenige Karten für alle, die eine wollen) mit einer subjektiven Antwort (“Gegen die Stimme, die mir sagt, dass die Karten alle sind.” “Gegen USP, die den Verkauf organisiert haben.” “Gegen Menschen, die sich mir beruhigend in den Weg stellen”) und dem Wunsch nach Gewalt zu beantworten. Dort, wie auch im Umlauf der Südkurve fanden sich in kürzester Zeit Anführer (deutlich in allen Fällen nur Typen…), die an dem Gedanken für andere die Revolution zu machen, also in Führerposition voranzupreschen, größten Gefallen fanden.

Solch ein Denken ist genau das, was wir am Millerntor nicht akzeptieren können und wollen. Dem offenen Auftreten von solchen Szenerien ist ein Riegel vorzuschieben. Durch Ausschluss aus dem Stadion oder der Fanszene, durch Aufklärung und Arbeit aneinander, durch Kritik und Diskussion.
Wir erhoffen uns eine Anmerkungen und Kritik, das Aufnehmen unserer Anmerkungen und vor allem Maulaufmachen gegen Idioten. Danke, Do it like Guerrero!

Yuppies Sankt Pauli*

Wir als Yuppies Sankt Pauli sind ein Zusammenschluss von Einzelpersonen aus verschiedenen Ecken der Südkurve. Wir fanden die Blockade der Südkurve doof, gut, notwendig, ertragbar, haben mitgemacht oder uns geärgert. Wir haben uns unter diesem Namen zusammengefunden, weil wir finden, dass sie Geschehnisse rund um die Blockadeaktion bisher die Blockierten zu sehr außen vor lassen. Weil wir ebenfalls Angst um die Fankultur des FC St.Pauli haben. Weil wir nicht Schweigen mögen und einen Zusatz zur Diskussion geben wollen.
Und da wir uns vorstellen können, das auch in Zukunft zu tun, wenn wieder Blödsinn in der Kurve regieren darf, so haben wir uns gleich mal einen Namen gegeben, der ein weiteres Problem der Südkurve ansprechen soll: Der Kreation von Feindbildern wie dem “Yuppie” als Antwort auf unverstandene Probleme.
Ihr findet uns im Netz unter http://yuppies.blogsport.de und verteilt in der Südkurve

  1. Guerrero soll von den Fans als “schwule Sau” bezeichnet worden sein und nach Peru zurückgewünscht worden sein. Spiegel Online [zurück]
  2. Tatsächlich wurden Blockierer_innen als “Neger”, “Schwuchteln” und vor allem Nazis beleidigt. Dazu gab es zahlreiche gewalttätige Aktionen, Menschen sollen geschlagen, angespuckt und mit einem Kugelschreiber bearbeitet worden sein. [zurück]
  3. Wir werfen das dediziert nicht den Blockierer_innen vor. Für uns ist verständlich, dass sie es sich nicht erlauben konnten, die Situation weiter eskalieren zu lassen. Wir finden es eher Schade, dass von ihnen nicht der Weg über den Verein gewählt wurde, um wenigstens im Nachhinein für Rausschmisse zu sorgen. [zurück]