[transmitter] Das hat mit Fussball nichts zu tun

Die Auseinandersetzungen mit der Polizei nach dem Spiel St.Pauli gegen Hansa Rostock am 22. April wurde auf gewaltgeile Gang-Jugendliche abgeschoben. Dieses Vorgehen folgt dem üblichen Muster der Entpolitisierung von politischen Auseinandersetzungen

Die St.Pauli-Fans hatten die Schnauze voll. Aktuell scheinbar auf dem Kieker des Gerichtswesens der Deutschen Fußballliga (DFL) stehend, gab es gegen Hansa Rostock ein Verbot des Kartenverkaufs an Rostocker Fans aufgrund einer Gefahrenprognose der Polizei. Die Befürchtung der St.Paulianer_innen ist schwer von der Hand zu weisen: Sollte ein solches Verhalten Einzug in das Standardrepertoire von Polizei, DFL und Vereinen erhalten, wären auch riskante Auswärtsspiele wie beispielsweise in Dresden oder beim Stadtrivalen HSV geeignet, keine Gästekarten mehr an St. Pauli-Fans zu verkaufen.

Zudem fühlten sich die Fans nach mehreren harten Verurteilungen gegen den FC St.Pauli aufgrund eines Bierbecher- und eines Kassenrollenwurfs vom Verband aufs Korn genommen. So entschieden sich beim Spiel gegen Rostock etwa 2000 bis 3000 Fans, aus Protest nicht ins Stadion zu gehen, sondern davor auf dem Südkurvenvorplatz dem Spiel via Radioübertragung zu folgen. Redebeiträge, ein mit “Fankultur” beschrifteter Sarg und die zahlreichen Transparente in und außerhalb des Stadions waren einigen nicht ausreichend.

Die Polizei hatte den Kartenverkauf an Rostocker Fans untersagt und deren Anmeldung einer Demonstration mit dem Ausrufen eines “Gefahrengebiet Stadionumfeld/St. Pauli” mit besonderen Eingriffsbefugnissen beantwortet. Auch aus der autonomen Szene fand ein Aufruf zu Widerstand gegen das Gefahrengebiet den Weg in das Nachrichtenportal indymedia, ähnlich zu lesen waren auch Texte aus der Fanszene des FC St.Pauli.

DIE ALS DOPPELT FREMD MARKIERTEN WARRIORZ EIGNEN SICH IDEAL ALS PROJEKTIONSFLÄCHE

Noch vor Ende des Spiels wurden Polizeitrupps in verschiedenen Ecken des Stadtteils von vermummten Gruppen attackiert. Trotz der Aufrüstung der Polizei (mittlerweile zwei WaWe10000) hat sie den Abend über die zahlreichen Kleingruppen nicht unter bekommen. Zum Ausgleich wurde leichte Beute gemacht: Zumeist Punker oder betrunkene Fussballfans. Zusätzlich heizten regelmäßig Wasserwerfer und Kolonnen aus Einsatzfahrzeugen von einem Ende des Stadtteils zum anderen, um dann betreten an den Stellen herumzustehen, an denen eben noch die Kollegen_innen attackiert wurden.

Einer der ersten dieser Angriffe fand vor der Fankneipe “Jolly Roger” statt – die mopo titelte, St.Pauli-Fans hätten ihren eigenen Laden mit Flaschen beschmissen.

Generell: Die Medienberichterstattung lässt aufhorchen. Eine Gruppe, die die HSV-Fankneipe “Tankstelle” am Hans-Albers-Platz entglaste, wurde von einer SpiegelTV-Kamera gefilmt. Es ist nicht zu erwarten, dass die Randalierer_innen sich das gefallen lassen hätten, wenn sie eine Person mit Kamera am Straßenrand bemerkt hätten.

Zudem kam es in der Nachlese zu einer interessanten Zusatzinformation zu den Ausschreitungen: Nachdem zunächst die Ultras erwartungsgemäß als Schuldige ausgemacht waren, schwenkte das Hamburger Abendblatt¹ um. Bereits am Folgetag wurde hier berichtet, es seien keine Mitglieder der Gruppe USP festgenommen worden und berief sich auf interne Quellen, die Angriffe seien durch die 187-Straßenbande, einer Gang aus dem Viertel, durchgeführt worden. Deren Fanclub, die Warriorz, seien das weitere Problem der Fanszene des FC St. Pauli.

Die Berichterstattung durch die Abendblatt-Reporter_innen über die St.Paulifanszene ist bisher nicht durch sonderliche Tiefe aufgefallen. Wenn nun derart detailiert berichtet wird und zudem die sonst als Pappkamerad leicht aufzustellenden Ultras freigesprochen werden, scheint es nach Insiderinformationen. Die Ausschließlichkeit der Schuldzuschreibung fällt auf.

Am Spieltag war jedoch klar zu erkennen: Die beteiligten Gruppen waren bei weitem vielschichtiger und schwieriger zu kategorisieren. Hier wird eine Gruppe außerhalb der St.Paulifanszene konstruiert, die für diese Ereignisse den Kopf hinhalten muss. Damit geht eine Entpolitisierung der Ereignisse einher: Statt dieses als widerständige Verhalten zu diskutieren, wird es durch die Festlegung als „Krawalle von Kriminellen”² diffamiert, über die nicht weiter diskutieren werden muss. Wobei die Sinnhaftigkeit der Handlung dahin gestellt sei.

Über die Warriorz wird innerhalb der Fanszene des FC schon länger diskutiert. Und eben auch mit ihnen. Das Fanprojekt kennt die Klientel, die Fangruppen besprechen die jeweilige Verantwortlichkeit und den Umgang mit Vorfällen. Dabei stolpern sie auch mal über die vor sich hergetragenen Werte und die Realitäten in der Fanszene. Die Warriorz sind in ihrem Habitus sicherlich nicht unproblematisch. Damit muss sich die aktive Szene auseinandersetzen. Die sich aufdrängenden Themen wie Gewalt, Heterosexismus, autoritäre Männlichkeit und Reviergehabe existieren aber nicht nur bei den Warriorz. Die als doppelt fremd markierten Warriorz – scheinbar nicht fanszenenzugehörig und vor allem nicht “weiß” – eigenen sich ideal als Projektionsfläche. Somit steigen sie zum perfekten Schmuddelkind der Fansszene auf. Diese Zuschreibung verunmöglicht eine poltische Analyse der Ausschreitungen gegen die Polizei.

Fußnoten:
1)http://mobil.abendblatt.de/sport/fussball/st-pauli/article2255991/Polizisten-attackiert-Die-Spur-fuehrt-zu-den-Kriegern.html?pg=1&cid=&li=1
2) Ebd.